Die Seestadt Aspern aus grüner Sicht

Die „Seestadt Aspern“ zählt heute zu einem der größten Stadtentwicklungsgebiete Europas. Stadtrat Peter Kraus zieht eine durchweg positive Bilanz über die Entwicklung des neuen Wiener Bezirksteils.

Geschichte

Jahrhunderte hindurch befanden sich auf dem Standort der Seestadt Äcker, die zu dem im Mittelalter entstandenen Dorf Aspern gehörten. Historisch bedeutsam war nicht nur die Niederlage von Napoleon hier im Jahr 1809. Am Morgen des 12. März 1938, des ersten Tages des „Anschlusses“ Österreichs an Hitlerdeutschland, landete Heinrich Himmler in Aspern, wo bereits 1912 ein Flughafen errichtet wurde, für dessen Ausbau auch Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Ein 1987 angelegter Gedenkwald östlich der heutigen Seestadt erinnert an die Opfer der Nazi-Herrschaft.

Der Flughafen verlor in den Nachkriegsjahren an Bedeutung, wurde 1977 schließlich geschlossen. Im Jahr 2007 beschloss der Wiener Gemeinderat einstimmig den „Masterplan aspern Seestadt“ als städtebauliches Leitbild. Ab 2010 erfolgten die Flächenwidmungen für die Teilbereiche der Seestadt. 2013 wurde die Endstelle „Seestadt“ der U-Bahn-Linie U2 eröffnet und seit 2014 erfolgt die Besiedlung des neuen Bezirksteils. Die „Seestadt aspern“ zählt heute zu einem der größten Stadtentwicklungsgebiete Europas.

Fläche

Das Gebiet der Seestadt ist 2,4 km² groß. Dies entspricht einer Fläche, die fast so groß ist wie der 1. Bezirk Wiens, Innere Stadt (2,9 km²), oder etwa 340 Fußballfeldern. Der 22. Bezirk Wiens, Donaustadt, in dem die Seestadt liegt, ist mit 102 km² der flächenmäßig größte Bezirk Wiens und mit knapp 200.000Einwohner*innen der zweit-bevölkerungsreichste der 23 Bezirke.

Bevölkerung

Die Anzahl der Bewohner*innen ist stets nur eine Momentaufnahme, weil permanent neue Menschen zuziehen. Am 1.1.2021 waren 8.237 Menschen in der Seestadt gemeldet (Quelle: „workflow“). Bis 2028/30 sollen ca. 20.000 Menschen in rund 10.500 Wohnungen in der Seestadt leben. Zudem soll es auch rund 20.000 Arbeitsplätze geben. Bis Anfang 2021 siedelten sich ca. 300 Betriebe an. Das erste Gebäude der Seestadt war das 2011/12 errichtete Technologiezentrum „aspern IQ“, das Büros, Arbeitsräume und Labors für Start-Ups und Forschungseinrichtungen beherbergt.

Ein Besiedlungsmonitoring hat die neuen Bewohner*innen der Seestadt begleitet und wichtige Erkenntnisse zur Wohnzufriedenheit, Nutzung der öffentlichen Räume und der Sozialstruktur gebracht. So zeigt sich, dass eher jüngere Menschen vorwiegend aus mittleren Einkommensgruppen in die Seestadt gezogen sind.

Wohnen

Die Seestadt ist ein Beispiel für das international beachtete Wiener Wohnbaumodell: rund 1/3 der Wohnungen sind frei finanziert, rund 2/3 geförderte bzw. leistbare Wohnformen, vorwiegend errichtet von gemeinnützigen Bauträgern und Genossenschaften - inkl. Studentisches Wohnen, Baugruppen-Projekte und „Gemeindebau NEU“. Letzteres ist das Wohnungsbauprogramm der stadteigenen WIGEBA - Wiener Gemeindewohnungs-Baugesellschaft zu besonders mieter*innenfreundlichen Konditionen – Mieten zu 7,50 € brutto für Personen, die bestimmte Einkommensgrenzen unterschreiten, s.u..

Architektur, Ökonomie, Ökologie und Soziale Nachhaltigkeit sind die vier Säulen, auf denen das Wiener Wohnbaumodell basiert. Damit verbunden ist auch die im nationalen österreichischen Recht verankerte Wohnungsgemeinnützigkeit, die klare Kriterien für gemeinnützigen, geförderten Wohnbau vorgibt.

Zwei Beispiele für Wohnkosten:

  • In einem Genossenschaftsprojekt der GESIBA beträgt die Monatsmiete inklusive Betriebskosten 670 € für eine 78 m²-Wohnung (Eigenmittelanteile maximal 40.000 €, ein Anteil der Wohnungen wird nach sozialen Kriterien zu geringeren Eigenmittelkosten vergeben).
  • Im „Gemeindebau NEU“, der 2021 im „Quartier Am Seebogen“ bezogen werden wird, beträgt die Brutto-Monatsmiete für eine 70 m²-Wohnung 525 €. Hier sind keine Ablösen oder Eigenmittel erforderlich. Allerdings gelten Kriterien (z.B. Einkommensobergrenzen) für die Erlangung einer Gemeindewohnung.

Mobilität

Die Seestadt Aspern gilt als Modellprojekt für eine urbane, nachhaltige und günstige Mobilitätsversorgung: Dabei ist ein Modal Split von 80 % Umweltverbund (40 % Rad-/Fußverkehr, 40 % ÖPNV) und 20 % motorisierter Individualverkehr angestrebt. Diese Werte sind bisher noch nicht erreicht (2019: 28 % MIV), der Trend zeigt aber in eine positive Richtung.

Öffentlicher Verkehr: Neben der bereits 2013 eröffneten U2 und der Schnellbahn im Norden (Achse Wien-Bratislava) gibt es auch 7 Buslinien. Außerdem sollen zwei geplante Straßenbahnlinien die Seestadt erreichen.

Die Fahrrad-Infrastruktur ist ein zentraler Bestandteil zur Erschließung der Seestadt, seit 2015 bietet das Radverleihsystem „SeestadtFLOTTE“ (derzeit acht Stationen) ca. 60 Räder - darunter auch E-Bikes und Lastenräder - an.

Der Motorisierungsgrad 2019 betrug im gesamten 22. Bezirk 430 PKW pro 1.000 Einwohner*innen (Quelle: VCÖ), in der Seestadt jedoch nur 260. Der öffentliche Raum in der Seestadt ist relativ PKW-arm, weil derzeit neun Sammelgaragen (siebendavon Tiefgaragen) den ruhenden Verkehr von der Oberfläche weitgehend fernhalten.

Nahversorgung

Die gut funktionierende Nahversorgung in der Seestadt ist einem zentralen Management zu verdanken. Die „aspern Einkaufsstraßen GmbH“ hat durch die Vermietung der neuen Räumlichkeiten und durch aktive Auswahl von Betreibern für einen Branchenmix in der zentralen Einkaufsstraße gesorgt. Ein „Seestadt-Trolley“, den im Herbst 2015 alle Haushalte der Seestadt gratis erhielten, erleichtert den Einkauf zu Fuß und somit den Verzicht auf Kfz-Fahrten.

Freiräume und Nachhaltigkeit

Westlich und östlich des bebauten Bereichs der Seestadt befinden sich Grünflächen im Ausmaß von rund 40 Hektar. Im Kernbereich (2 km²) sind rund 50 % Bauflächen und 50 % Freiflächen im öffentlichen Raum, darunter der zentrale, fünf Hektar große See und zahlreiche Parks.

Der zentrale, vom Grundwasser gespeiste 5 Hektar große See bzw. Teich, angelegt 2010 bis 2015, ist mit dem ihn umgebenden Seepark ein wesentliches Element, um die Landschaft zu erleben. Ursprünglich war ein Badeverbot geplant, von diesem wurde aber abgegangen, jetzt gibt es zwei Strand-Bereiche.

Ökologisches Baustellenmanagement (wie beispielsweise die Wiederverwendung des Aushubs bei der Anlage des zentralen Sees, Recycling des Betons beim Entfernen der ehemaligen Flughafen-Rollbahnen) sowie Photovoltaik, Wärmepumpen, Regenwassernutzung, Passivhaus-Standard bei zahlreichen Gebäuden, Niedrigenergie sind charakteristisch für die Seestadt Aspern.

Bereits vor der Entwicklung der Seestadt wurde die Wärmeversorgung mittels Erdgas ausgeschlossen (im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung). Das bedeutet, dass alle Gebäude in der Seestadt über Fernwärme oder andere nachhaltige Energiesysteme geheizt werden. Hinsichtlich der Energiestandards gelten als Mindest-Wert die umgesetzten EU-Richtlinien (beispielsweise Energy Performance of Buildings Directive), wobei im Fall der Seestadt Aspern ein quartiersbezogenes Gesamtenergiekonzept erstellt wurde, das darauf abzielt, laufend den Gesamtenergiebedarf zu reduzieren (Smart City Ziel für Wohngebäude ≤ 25 kWh pro Quadratmeter und Jahr). Als Versuchslabor für innovative Energielösungen entstand in der Seestadt unter anderem das Technologiezentrum „iq aspern“: ein Plus-Energie-Gebäude (Heizwärmebedarf von 8 kWh/m²/a).

Besonderheiten der Seestadt

Benennungen nach Frauen:  

Mit ganz wenigen Ausnahmen sind alle Verkehrsflächen und Parks nach Frauen benannt, auch nach solchen mit internationaler Bedeutung wie z.B. Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Zaha Hadid, Janis Joplin, Edith Piaf oder Wangari Maathai. Auch zahlreiche Widerstandskämpferinnen und Antifaschistinnen sind darunter. Für April 2021 ist eine Ausstellung zum Thema „Frauen Bauen Stadt“ geplant.

Internationale Bauausstellung:
Mit der „IBA_Wien 2022“ wird erstmals eine „Internationale Bauausstellung“ (die in Deutschland eine bis auf das Jahr 1901 zurückgehende Tradition hat) in Österreich ins Leben gerufen. Sie hat den Schwerpunkt „neues soziales Wohnen“, und eines der Quartiere wird jenes „Am Seebogen“, im östlichen Teil der Seestadt, sein:

Holz-Hochhaus:

Eine der „Landmarks“ in der Seestadt ist das gleich an der U2-Endstelle gelegene Holz-Hochhaus „HoHo“. Mit 84 Metern Höhe gehört es zu den weltweit höchsten derartigen Projekten. 75 % des Hauses bestehen aus Holz, lediglich der Kern ist aus Beton. Entworfen von den Architekten Rüdiger Lainer + Partner und errichtet 2016-19 von der „cetus Baudevelopment GmbH“, beinhaltet es ein Hotel, Apartments, Restaurants, ein Fitnessstudio und andere Einrichtungen.

Bilanz "Seestadt nach 10 Jahren" aus grüner Sicht

Nach 10 Jahren Grüner Regierungsarbeit in Wien und der Ressortverantwortung für den Planungsbereich lässt sich eine durchwegs positive Bilanz über die Entwicklung der Seestadt Aspern ziehen:

U-Bahn: Die Verlängerung der Linie U2 zur Endstelle Seestadt wurde im Oktober 2013 eröffnet, also BEVOR die ersten Bewohner*innen zuzogen. Diese konnten schon bei der Besichtigung der Rohbauten erfahren, dass es eine günstige ÖV-Anbindung gibt (nur 25 Minuten Fahrzeit bis zur Station Rathaus im Zentrum von Wien).

Qualitätsmanagement und Entwicklungskoordination: Die Koordination durch die „Wien 3420 aspern Development AG“ und das Stadtteilmanagement hat sich extrem positiv erwiesen, um geordnete Abläufe und innovative Entwicklungen zu steuern. Von der Vernetzung mit Bewohner*innen angrenzender Gebiete über kulturelle Angebote bis zum Management der Nahversorgung und zur Beratung von Unternehmen und Betrieben die sich in der Seestadt ansiedeln wollen reicht die Tätigkeit.

Baugruppen: Derzeit bestehen in der Seestadt sechs Baugruppen-Projekte – JAspern, B.R.O.T., LiSA, Seestern, Pegasus und Que(e)rbau -, und drei weitere – SEEPARQ, Leuchtturm Seestadt und kolokation-am-seebogen - werden im Laufe des Jahres 2021 bezogen. Sie tragen wesentlich zur Belebung und zur Diversität des Bezirksteils Seestadt bei. Bei Bewohner*innen der Baugruppen-Projekte gibt es die höchste Wohn-Zufriedenheit.

 

PopUp dorms sind preisgünstige „Container“ für studentisches Wohnen, die rasch und einfach verlegbar sind, wenn anderswo Wohnbedarf entsteht. Zwei Einheiten für insgesamt 87 Student*innen wurden in den Jahren 2015 und 2017 errichtet. Der Mietpreis pro Person und Monat liegt unter 400 €.

Urbane Qualität: Die „grüne Handschrift“ in der Stadtplanung zeigt sich vor allem im politischen Bekenntnis zur Qualitätssicherung (leistbar, urban, bodensparend, durchmischt) in allen Planungsschritten, z.B. bei der Mindesthöhe der Erdgeschoßzonen und bei der dadurch möglichen Belebung durch Nahversorger, soziale Einrichtungen und Gastronomie.

Zu den kritischen Punkten, die mit der Entwicklung der Seestadt Aspern einhergehen gehört auf jeden Fall die sogenannte „Stadtstraße“:  Eine 3,2 km lange, autobahnähnliche Straße durch den Bezirk, für die rund 330.000 m² Äcker und Wiesen versiegelt werden sollen. Die Grünen haben sich für eine Redimensionierung dieses Projekts eingesetzt, das stets mit der „notwendigen“ Verkehrserschließung des Stadtteils argumentiert wurde. Doch die nach der Gemeinderatswahl 2020 neu gebildete „rot-pinke“ Koalition aus SPÖ (Sozialdemokraten) und NEOS (Liberale) beschloss Anfang Dezember 2020 die Vergabegenehmigung für die Ausführung einer Stadtautobahn-artigen, vierspurigen, nahezu kreuzungsfreien Variante, die vor allem Durchzugsverkehr anziehen wird.

Verbesserungswürdig ist darüber hinaus in einigen Teilbereichen die Gestaltung des öffentlichen Raums, bei der noch mehr auf die Auswirkungen des Klimawandels geachtet werden soll – also z.B. weniger dunkler Asphalt, helle Steine, mehr Baumpflanzungen und Vegetation.


Peter Kraus ist Stadtrat und Sprecher der Grünen Andersrum in Wien